46000 Bleiweiss, Kremserweiss
C.I. PW 1, Nr.77597
engl.: lead white, flake white
frz.: blanc de plomb, blanc d'argent
andere Namen: Kremnitzerweiss, Berlinerweiss, Silberweiss, Cerussa
Bleiweiss ist ein schweres, weiches Pulver mit einer Dichte von 6,8. Für künstlerische Zwecke sollte es keinen Gelbstich besitzen. Es handelt sich hier chemisch gesehen um basisches Bleicarbonat von der Formel 2PbCO3.PbOH2.
Die früheste Nachricht über die Herstellung und Verwendung von Bleiweiss
verdanken wir Theophrast (372-287 v. Chr.), einem Schüler von Aristoteles.
Später erwähnt Gaius Plinius Secundus (23-79 n. Chr.) dieses erste voll synthetisch hergestellte,
anorganische Pigment.
In den mittelalterlichen Rezeptsammlungen des Lucca-Manuskriptes, der wenig veränderten Mappae
Clavicula, bei Theophilus' und Heraclius' Schriften dienten jeweils metallisches Blei und Essig als
Ausgangsmaterial zur Herstellung von Bleiweiss.
Aus dem antiken Herstellungsverfahren entwickelte sich im Laufe der Zeit das heute bekannte holländische Loogenverfahren.
Die Loogen sind Oxidationsräume, in denen bis zu zehn Tonnen Bleiplatten, eingepackt in
Steinzeugtöpfe - eingestellt in Pferdemist und Lohe -, der Einwirkung von Wärme, Essigsäure
und Luft ausgesetzt worden sind. Nach etwa vier Wochen war die Umsetzung von metallischem Blei in das
weisse basische Bleicarbonat beendet. Es wurde aus den Töpfen geschlämmt, getrocknet und gemahlen.
Die Güte des Pigmentes war von der Reinheit der verwendeten Bleiplatten abhängig.
In dem Klagenfurter Verfahren treten Weintrester, Bierhefe oder gärungsfähige Obstsäfte an die Stelle von Essig.
Diese Herstellungsmethode verläuft langsamer, soll aber zu einem reiner weissen und besonders lockeren Produkt führen.
Auf diese Weise ist das erste so genannte Kremserweiss hergestellt worden, dass dann unter Zusatz von Bleiacetat oder Pflanzenleimen
zu Hütchen oder kleinen Blöcken gepresst, in den Handel gebracht worden ist.
Im Jahr 1839 wurde von Gustav Dietel in Eisench zum ersten Mal das deutsche Kammerverfahren praktiziert. Dabei werden ca. 1mm dünne lange
Bleilappen in grossen gemauerten Räumen auf Holzgestelle gehängt und einer Atmosphäre
von Luft, Kohlendioxid, Wasser- und Essigdämpfen in bestimmter Dosierung ausgesetzt. Das Blei wird
zuerst chemisch in basisch-essigsaures Blei und später dann in basisches Bleicarbonat umgewandelt.
Der Bleiweissschlamm wird dann gewaschen, gesiebt, getrocknet und gemahlen.
Heute sind die diese unwirtlichen Verfahren abgelöst durch Fällungsverfahren, bei denen die Gesundheit der Arbeiter weniger gefährdet wird und die gleich bleibenden Produkten führen. Blei und Bleioxide werden dazu in Essigsäure gelöst, und aus dieser Bleiacetatlösung wird durch Eindrücken von Kohlendioxid das Pigment ausgefällt. Anschliessend wird auch hier gewaschen, getrocknet und gemahlen.
Die Beständigkeit dieses Weisspigmentes ist nicht in allen Bindemittelsystemen gegeben. In Ölfarben neigt es zum Vergilben. Das gleiche gilt für Öl-Kasein-Emulsionen. Bleiweiss ist ausserdem empfindlich gegen Schwefelverbindungen. In Gegenden mit vielen Industrie- oder Autoabgasen sieht man häufig Schwärzungen, welche die Bildung des schwarzen Bleisulfids hinweisen. Nach Doerner können diese Schwärzungen an der frischen Luft wieder zurückgehen. Ein Abschlussfirnis aus Mastix- oder Dammarharz kann diese Reaktionen weitgehend verhindern. Auch schwefelhaltige Pigmente wie die Cadmiumpigmente, Zinnober oder Ultramarinblau könnten mit dem Blei des Bleiweiss reagieren, jedoch ist dies selten beobachtet worden. Restauratoren wandeln das schwarze Bleisulfid durch Betupfen mit Wasserstoffperoxid in weisses Bleisulfat um (Mühlhauser Weiss, schwefelsaures Blei). Bleisulfat ist beständig und verändert sich nicht mehr.
Bleiweiss ist gegen starke Säuren oder Laugen wenig beständig, in Kalk- oder Wasserglastechniken kann es nicht verwendet werden, da es sich zu Bleibraun umwandelt. In Salpeter- oder Essigsäure ist es ebenso nicht einzusetzen. Das Pigment ist nicht hitzebeständig. Erhitzt man das Pulver, so wird das Pigment zunächst rot, später dann gelb. Dieses neu entstandene Pigment ist das ebenfalls seit alten Zeiten bekannte Bleigelb oder Massicot.
Bleiweiss besitzt ausgezeichnete Deckkraft, wodurch es allerdings z.B. für Aquarell ungeeignet wird. Für Ölfarben verzichtet man besser auf Leinöl, da Bleiweiss in diesem Öl, besonders, wenn es im Dunkeln steht, zum Vergilben neigt. Man nimmt statt dessen Mohn- oder Sonnenblumenöl, der Bedarf liegt etwa bei 15%. Diese Öle trocknen etwas langsamer als Leinöl, aber Bleiweiss ist, wie alle bleihaltigen Pigmente, ein guter Trockner. Ein Zusatz von weissem Bienenwachs stabilisiert die Konsistenz und verringert gleichzeitig die Tendenz zu gilben. Ausserdem kann durch einen Wachszusatz verhindert werden, dass die sehr schweren Pigmentteilchen in der Farbe absinken. Die Nachteile dieses Weisspigmentes werden von Künstlern oft einfach dadurch umgangen, dass sie Bleiweiss durch Titanweiss ersetzen. Für Aussenanstriche kann basisches Bleisulfat, sogenanntes Sulfobleiweiss statt des giftigen Bleiweiss benutzt weden, jedoch ist es nicht so rein.
Zur VERMEIDUNG von VERGIFTUNGEN sollten die richtigen SCHUTZMASSNAHMEN im Sicherheitsdatenblatt nachgelesen und befolgt werden.
Quelle: "Malmaterial und seine Verwendung im Bilde" (19. Auflage, 2001) von Max Doerner
Siehe auch allgemeine Informationen zu Bleiweiss.