73020, 73054, 73300 Leinöl



Das klassische Öl zum Anreiben von Farben und zum Bereiten von Malmitteln ist das aus möglichst reifen Samen der Flachspflanze gewonnene Leinöl und wird es trotz seiner Neigung zum Gilben nach sorgfältigerer Auswahl der Saat und nach weiteren Verbesserungsmethoden in der Nachbehandlung möglicherweise sogar bleiben. Leider versucht man heute, die ziemlich empfindlichen Flachspflanzen sowohl auf die begehrten Fasern als auch gleichzeitig auf die Ölsamen zu züchten. Das geschieht aus Gründen neuzeitlicher Wirtschaftlichkeit, aber nicht zu Gunsten der Qualität. Merkwürdigerweise sind die viel grösseren, ergiebigeren Samen indischer Herkunft für maltechnische Zwecke nicht so gut geeignet wie die kleinere, dunklere Saat aus dem Baltikum und aus Holland unter Bevorzugung weissblühender Flachspflanzen, wofür es leider nur kleine Anbaugebiete gibt.

Leinsamenerträge sind von der Bodenbeschaffenheit wie dem Ausfall verschiedener Jahrgänge ähnlich abhängig wie der Wein. Dass gerade die schwächere, durch Dunst gefilterte Sonne am Südrand der Nordsee wie der östlichen Ostsee biologisch günstigere Bedingungen für das Heranwachsen der kapselartigen Leinölfrüchte bietet als die heisse Sonne von Bombay oder La Plata, mag als unlogisches Kuriosum erscheinen.
Jedenfalls waren die alten niederländischen Meister mit ihrer heimischen Saat besser dran, wozu gerade der Umstand einer primitiveren Gewinnungsmethode durch Schlagen in Keilpressen bei allerdings bedeutend geringerer Ausbeute begünstigend hinzutrat. Die besten der vielen altmeisterlichen und modernen Methoden der Ölreinigung sind illusorisch, wenn ein Grundübel bei der Ölgewinnung unbeachtet bleibt, nämlich Verunreinigungen der Ölsaat durch Unkrautsamen und andere fremde Verunreinigungen. Auch aus hochqualifizierten Anbaugegenden können Öle eine dunkle Farbe und abartige Trocknungszeiten erlangen, wenn nicht schon vor der Ölgewinnung peinliche Reinigungsmassnahmen vorgenommen worden sind.

So können schon geringe Anteile an Raps und wildem Mohn trotz aller Sorgfalt des Pressens die normalen Trockendaten erheblich verändern. Vor dem Pressen muss die Leinsaat noch vom Staub befreit und dann zunächst in Schrotmühlen aufgebrochen werden. Ein anschliessender Röstprozess oder das übliche Zuführen von Hitze während des Pressvorganges hat bei Leinölen für die Bereitung von Künstlerfarben zu unterbleiben! Vorsichtig kaltgepresste Leinöle, wie solche für Speisezwecke im Handel sind, unterscheiden sich durch ihre hellgelbe Farbe und ihren milden, angenehmen Geschmack deutlich von goldgelben bis bräunlichgelben, scharf schmeckenden, heiss gepressten Ölen. Von besonders heller Farbe sind sie dann, wenn sie, wie gesagt, von weissblühender, im Gegensatz zu blaublühender Saat stammen, Die Ausbeute bei nur etwa mit 40 bar kalt gepresstem Leinöl beträgt nur etwa ein Drittel gegenüber der üblichen heissen Pressung. Die restlichen Presskuchen werden danach durch Heisspressung noch weitgehend ausgewertet. Auch bei vorsichtigem kalten Pressen ist es ebenso wie bei der alten Methode des Schlagens nicht ganz zu vermeiden, dass schleimige Eiweissstoffe mit in das Öl geraten.

Es soll hier nicht auf die verschiedenen alten und neueren Reinigungsmethoden eingegangen werden; denn die sind nicht Angelegenheit des Künstlers, obschon sich dieser abmühte. Gute Handelsware hat nicht nur Filterpressen passiert, sondern noch mehrere Raffinagen über sich ergehen lassen müssen. Der Wert chemischer Bleichmittel ist umstritten. Das alte Verfahren der Sonnenbleiche bei sorgfältig bis in den halben Hals gefüllten (aber nicht verkorkten!) Flaschen wird zwar in der Fachliteratur vorgezogen, aber heute kaum mehr durchgeführt.

Kann ein Maler direkt von einer Ölmühle schönes, helles Speiseleinöl bekommen, so reinigt er es sich vorsichtshalber nochmals, indem er es mit erhitztem Pulver von natürlichem Schwerspat kräftig durchschüttelt. Über dem Bodensatz steht dann sein eigenes Raffinat schön klar. Die gelbe Eigenfarbe von Leinöl ist nicht immer allein für dessen Beurteilung massgebend; denn manche verhältnismässig hellen Öle können beispielsweise ein damit angeriebenes Weisspigment stärker verfärben als gelbere Sorten, falls diese eine geringe Färbekraft besitzen.
Auch allerfeinste Leinöle sind von der Tendenz des Vergilbens besonders in Verbindung mit dem katalysatorisch wirkenden Bleiweiss nicht ganz frei. Daher bemüht man sich heute noch um eingangs bereits erwähnte Verbesserungsmöglichkeiten, oder man greift zu anderen Ölen. Dafür können noch weitere Gesichtspunkte massgebend sein. Ein gutes Leinöl, zur Probe dünn auf Glas gestrichen, muss nach spätestens 5 Tagen bei normaler Zimmertemperatur von 20° C klebefrei aufgetrocknet sein. Mit Pigmenten angerieben, verkürzt sich diese Zeit erheblich, je nach dem Charakter des Pigments.

Je frischer ein Öl ist, desto grösser ist auch die Aufnahmefähigkeit am Pigmentpulver zur Erzielung einer malfähigen plastischen Konsistenz. Je weniger Öl eine plastische Farbmasse enthält, desto besser!

Quelle: "Werkstoffe und Techniken der Malerei" (1967) von Kurt Wehlte

Siehe auch Walnussöl, Mohnöl und Sonnenblumenöl.