73600 Mohnöl raffiniert



Mohnöl ist seinem ganzen chemischen Aufbau nach anders zusammengesetzt als Leinöl. Es erreicht beim Durchtrocknen auch nicht die gleiche Härte, was jedoch in Verbindung mit den Pigmenten nicht mehr so offensichtlich in Erscheinung tritt. Ein sehr beachtlicher ist nicht nur die geringere Tendenz zum Vergilben, sondern die stabilere Plastizität einer entsprechend streng angeriebenen Farbe. Bei Leinöl wird der Verlaufpunkt eher erreicht als bei Mohnöl. Je frischer es ist, desto konsistenter wird die Farbe, und die Werkspur der Pinsels bleibt scharf erhalten. Diese Erscheinung galt den Impressionisten sehr viel. Eine "kurze" Farbe spachtelt sich ausserdem bequemer.

Eine analog zu der Leinölprüfung angesetzte Trockenprobe von Mohnöl auf Glas ergibt eine Trockenzeit von etwa 15 Tagen. Diese kann jedoch in beiden Richtungen um 3-5 Tagen schwanken. Mohnöle sind noch empfindlicher hinsichtlich der Herkunft und ihrer Verarbeitung als Leinöl. Die besten Sorten werden aus den Samen des weissblumigen Mohnes gewonnen, wobei das beim Pressvorgang als erstes austriefende Öl, das sogenannte "Vorlauföl", fast wasserhell ist und lediglich einen ganz zarten grünlichgelben Schimmer aufweist. Das gilt natürlich nur für vorsichtiges Pressen einer vorgequetschten Saat auf kaltem Wege. Bein Mohn ist infolge der geringen Grösse der Saatkörner der Separieren von Unkrautsamen viel schwieriger als bei Leinsamen. Infolgedessen erfahren die Trockenzeiten von Mohnölen leider recht häufig überraschende Verschiebungen.

Frisches Mohnöl hat einen kaum nennenswerten, zarten nussähnlichen Geschmack. Völlig geschmacklos sind nur extrahierte Öle, welche für Malzwecke grundsätzlich nicht in Frage kommen! Im Handel trifft man unter Umständen Ware an, die gelber als Leinöl aussieht aber trotzdem die spezifischen Mohnöleigenschaften aufweist, mitunter allerdings etwas schneller trocknet. In solchen Fällen handelt es sich gewöhnlich um farbigblühende Mohnsorten. Eibners Warnung vor Mohnölen resultiert aus den in seinen Experimenten beobachteten Wiedererweichung bereits längst getrockneter Aufstriche. Dem Verfasser ist in seiner 50-jährigen Praxis ein einziger Fall begegnet, wo ein einzelnes Muster von Ocker in Mohnöl auf Aluminiumblech nach etwa 10 Jahren tatsächlich wieder gummiartig weich geworden war. Der Hinweis in dem Eingangskapitel über fette Öle dürfte genügen, um ängstliche Künstler zu beruhigen. Immerhin sollten Mohnölfarben nicht auf zu fetten, nichtsaugenden Malgründen verarbeitet werden!

Jedenfalls sind Leinöl und Mohnöl diejenigen beiden fetten Öle, welche heute in der Künstlerfarbenherstellung der ganzen Welt das Hauptkontingent darstellen. Es war bereits die Rede, dass unter den Pigmenten, Blei-, Mangan- und Kobaltverbindungen, aber auch beispielsweise Eisencyanblau infolge ihrer katalysatorischen Einflüsse den Trockenvorgang fetter Öle zu beschleunigen vermögen. Da aber zu krasse Unterschiede im Auftrocknen der einzelnen Pigmente im Gemälde zu höchst unerwünschten und möglicherweise sogar gefährlichen Spannungen führen können, ist man bestrebt, die Trockenzeiten aller Farben einander, soweit als möglich, anzugleichen. Also wird man spezifisch rasch trocknende Pigmente mit dem langsamer trocknenden Mohnöl anreiben, ausgeprochen langsam trocknende Pigmente dagegen mit dem rascher anziehenden und erhärtenden Leinöl. Dieser Gepflogenheit kommt entgegen, dass rasch trocknendes Kremserweiss oder trockenbeschleunigende Kobaltfarben selbst gegen leichte Vergilbungserscheinungen optisch am empfindlichsten sind und schon aus diesem Grunde lieber mit Mohnöl angerieben werden sollten. Es ist nichts dagegen einzuwenden, indifferente Pigmente mit Gemischen aus Lein- und Mohnöl anzureiben. In der Praxis finden sowieso beim Malvorgang unvermeidbar verschiedenartige Vermengungen von Lein- und Mohnölfarben auf der Malfläche statt.

Wird in manchen Fällen ein rasches und möglichst hartes Durchtrocknen der Farbschichten verlangt, so war es zu Zeiten, wo der Impressionismus dominierte, erwünscht, an einem Porträt oder einem Akt möglichst lange Zeit nass in nass arbeiten zu können. Man dämmte dafür das Saugvermögen seines Malgrundes bis auf eine gerade noch zulässige Stufe ein, benutzte das besonders langsam trockende Mohnölzinkweiss als Träger der meisten anderen Farben im Bild und nahm notfalls als Malmittel noch etwas Mohnöl, welches man mit zwei Teilen Testbenzin verdünnte und dadurch zugleich magerte. Das die Trocknung begünstigende Terpentinöl wurde also bewusst ausgeschaltet. Wilhelm Leibl (1844-1900) hat der Überlieferung nach Bilder, an denen er in flüssiger Malweise möglichst lange nass in nass malen wünschte, in den Arbeitspausen über Nacht eigens in engen Zinkblechbehältern aufbewahrt, diese möglichst luftdicht verschlossen und in den Kellerraum unter seinem Atelier versenkt. Bilder unter Verwendung von Mohnöl-Zinkweiss oder Titanweiss in Mohnöl werden zwar auch je nach der Saugfähigkeit des Malgrundes nach mehreren Tagen oberflächlich trocken, aber an ungewöhnlich stark pastosen Stellen bleibt die Farbe innerlich noch viele Monate lang weich.

Quelle: "Werkstoffe und Techniken der Malerei" (1967) von Kurt Wehlte

Siehe auch Walnussöl.