Über Bleiweiss
Vorbemerkung
Bleiweiss war über den grössten Teil unserer bekannten (Mal-) Vergangenheit das
wichtigste Weisspigment für alle Anwendungen im Handwerk oder der Kunst.
Gleichzeitig war Bleiweiss genauso in der chinesischen oder japanischen Kultur verbreitet wie in Europa.
Heute verkommt das alte Pigment zur Bedeutungslosigkeit.
Herkunft
Bleiweiss entsteht durch das Umsetzen von Blei mit Essigsäure
zu Bleizucker und das ausfällen mit Kohlensäure.
Verschiedentlich tritt basisches Bleicarbonat auch mit anderen 2-wertigen Metallen wie z.B. Zink als weisser
Mischkristall auf. Bleiweiss war schon immer ein wichtiges Handelsprodukt.
Die in vielen Ländern vorkommenden Bleilagerstätten werden auf Blei ausgebeutet. Ein Teil der
Bleiproduktion wird zu Bleiweiss weiterverarbeitet. Bekannt werden dann immer die Bleiweisserzeugungen,
welche besonders reines Blei zur Verfügung haben, wie in Österreich das Kremserweiss und aus England
das "flake white". In Europa waren die wichtigsten Bleivorkommen im 19. Jahrhundert in England in Cumberland,
Shropshire und Cornwall, in Sizilien, Südfrankreich, Spanien, Kärnten in Österreich und im deutschen
Rheinland, in Schlesien und im Harz.
Jüngere Geschichte
Die Weisspigmente haben traditionell die mit Abstand grösste wirtschaftliche Bedeutung von allen Pigmenten
- heute genauso wie schon in der Vergangenheit.
Über die Bedeutung der Bleiweiss - Industrie im Altertum liegen mir keine Unterlagen vor,
aber die Wichtigkeit des schweren weissen Pigmentes kommt durch seine häufige Erwähnung in allen Büchern
über Maltechnik zum Ausdruck.
Besonderes Augenmerk will ich nun der jüngsten Geschichte des Bleiweiss in Mitteleuropa widmen.
Vor der Kontinentalsperre hatte das englische Bleiweiss zwar kein Monopol, war aber doch bestimmend als
Hersteller für England, Frankreich, Benelux, Skandinavien und Deutschland. Die erste Bleiweissherstellung war
wohl in Osterode am Harz gegen Ende des 18. Jahrhunderts entstanden, aber der Schwerpunkt der
Bleiweisserzeugung lag bald im rheinischen Gebiet. 1810 wurde als Folge der Kontinentalsperre die
1. Bleiweissfabrik in Köln gegründet, weitere folgten in den darauffolgenden Jahren in Düsseldorf,
Koblenz, Solingen und Elberfeld.
Diese frühen Produktionen nach dem holländischen Verfahren benötigten grosse Mengen Pferdemist.
Die Verunreinigungen im rheinischen Bleierz gaben dem Bleiweiss eine gelbliche Färbung. Erst durch
Anwendung des französischen Verfahrens - Reinigung des Bleioxides Bleiglätte
und Wiederauflösung mit Essigsäure, darauf folgend Fällung mit Kohlensäure- in der Bleiweissfabrik von Rhodius in Burgbrohl ab 1834,
entstanden gute Qualitäten auch im Rheinland. Während die erste kölnische Fabrik 1810 etwa 5000
Zentner Bleiweiss herstellte, stieg die Menge in den Folgejahren stark an, um 1840 wurde Deutschland dann
in der Bleiweisserzeugung autark. Ab den 60iger Jahren führte das industrielle Kammerverfahren zu einer
gewaltigen Steigerung der Produktivität. Durch diese Umstellung war jetzt eine Massenerzeugung möglich,
"... das alte Streckmittel Schwerspat brauchte fortan nicht mehr zur Deckung des Bedarfes an Bleiweiss
herzuhalten" .
Seit etwa 1830 wurde in Frankreich blanc fixe,
Schwerspat, hergestellt. Dieses preiswerte, ungiftige,
blendendweisse Pigment eignete sich als Ersatz für Bleiweiss bei allen Anwendungen in wasserverdünnbaren
Bindemitteln.
Gleichzeitig mit dem Aufschwung der Bleiweisserzeugung in Deutschland entsteht dem Bleiweiss durch das
Zinkweiss ein zweiter wichtiger Konkurrent. Ab 1848 wird Zinkweiss in Frankreich hergestellt, der
Erfinder J. Leclaire erhält einen Preis und durch Erlass vom 24. August 1849 wird die ausschliessliche
Anwendung des Zinkweiss für die öffentlichen Bauten und Arbeiten im ganzen Staate Frankreich beschlossen.
Während in dieser Schrift das Zinkweiss in allen farbtechnischen Eigenschaften dem Bleiweiss gleichgestellt
wird, ausser dass das Bleiweiss billiger sei, wird besonders hervorgehoben:
"Das Zinkweiss hat auf den menschlichen Körper nach den bereits gemachten Erfahrungen und sicheren Daten
beauftragter Kommissionen keinen von den üblen Wirkungen des Bleiweisses und den sonst bleihältigen Präparaten.
Es sind daher bei Verwendung desselben keine Bleikoliken (Paralisien) für die, diese Farbe zubereitenden
Arbeiter und Anstreicher, sowie auch für jene zu fürchten, welche in den neu mit dieser Farbe angestrichenen
Lokalitäten zu wohnen gezwungen sind."
Die Welt - Zinkproduktion betrug 1845 etwa 450,000 Zentner, davon 100,000 in Belgien und den Rheinlanden,
250,000 in Österreich (Schlesien) und 100,000 in Polen.
Nach 1850 kam erstmals aus Belgien die Lithopone nach Deutschland. Lithopone ist das Fällungsprodukt aus
Zinksulfat mit Bariumsulfid, eine Art chemische Mischung aus Bariumsulfat (Schwerspat) und
Zinksulfid.
Die Farbe ist ziemlich weiss und lichtecht, nicht jedoch säurestabil. Der grosse Mengen-Erfolg der
Lithopone- und der Zinkweiss-Industrie gegen Ende des 19. Jahrhunderts lässt verbunden mit den gewachsenen
Ansprüchen an den Schutz der Arbeiter und der Verbraucher die Verwendung von Bleiweiss stark zurückgehen.
Die deutschen Bleiweiss-Fabriken haben zwar durch Export und Kartellbildung weiterhin grossen Erfolg, müssen
sich den Markt aber mit den Wettbewerbspigmenten teilen.
Die Konkurrenz zum Bleiweiss wird in den nächsten Jahrzehnten immer stärker, es kommen die verschiedenen
Bleiweissverbote. Um 1870 waren in der Bleiweissindustrie
9 - 16% der Arbeiter bleikrank. In manchen Betrieben waren praktisch alle Arbeiter krank.
Die erste gesetzliche Regelung im Deutschen Reich vom 12. April 1886 schrieb eine Vielzahl von
Regelungen für die Bleizucker- und Bleiweiss-Industrien vor.
Die Arbeitsprozesse hatten staub- und gasfrei zu erfolgen, die Arbeiter mussten monatlich ärztlich
untersucht werden, die Beschäftigung von Frauen und Jugendlichen in gefährlichen Räumen wurde untersagt.
In den folgenden Jahren wurde der Verbrauch an Bleiweissfarben immer weiter eingeschränkt.
Nach dem Verbot der Verarbeitung von pulverförmigem Bleiweiss im Handwerksbetrieb entwickelte sich etwa ein
Gleichstand im Verbrauch der drei Weisspigmente Bleiweiss, Zinkweiss und Lithopone.
Ein neuer Wettbewerber entstand 1916 mit der ersten Titanweissfabrik Titan Co.A.S. in Norwegen,
der bald andere Fabriken in USA und Europa folgten.
Da Titanweiss im Verhältnis zu Bleiweiss ungiftig ist und besser deckt, wurde es trotz seines hohen
Preises schnell zu einer wichtigen Konkurrenz für alle anderen Weisspigmente. Schon 1929 gibt es eine
Schrift des "Vereins der Deutschen Bleifabrikanten", in welcher die Vorzüge des Anstriches mit Bleiweiss
gegenüber allen anderen Pigmenten hervorgehoben werden und insbesondere das Titanweiss angegriffen wird.
Heute, im Jahre 2000 sind die Verhältnisse geklärt. Bleiweiss spielt keine Rolle mehr,
Zinkweiss, Lithopone, blanc fixe und andere weisse Pigmente werden nur noch für Sonderzwecke eingesetzt.
Titanweiss nimmt über 80% des gesamten Pigmentmarktes ein.
Eigenschaften von Bleiweiss, Vorteile und Nachteile
Der besondere Vorteil von Bleiweiss liegt in seiner Reaktionsfähigkeit mit Leinöl
begründet.
Wie auch bei allen anderen Bleifarben erhält besonders Bleiweiss dadurch folgende Eigenschaften:
Die Situation heute
Die Zunahme des Autoverkehrs hatte in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts eine Zunahme des
Verbrauchs an Benzin hervorgerufen. Kinder in den Innenstädten und auch Strassenpolizisten litten zunehmend
an Vergiftungen durch die bleihaltigen Abgase. Nach der Einführung der bleifreien Benzine stellte man in den
USA bei Kontrolluntersuchungen fest, dass die Bleibelastung insbesondere von Kindern aus ländlichen Gebieten
immer noch sehr hoch war. In Deutschland gab es Prozesse von Mietern gegen die Hauseigentümer wegen der
Bleibelastung aus den Bleirohren der Trinkwasserversorgung. In den USA wurde das Wohnen von Kindern in
Häusern mit Bleianstrichen praktisch verboten. Eventuell könnte hier auch die Lobbyarbeit der
Titanweissindustrie mitgeholfen haben. Seit 1989 ist die Verwendung von Bleifarben in Bedarfsgegenständen und
Farben generell in der EU eingeschränkt. Die Verwendung von Bleiweiss ist fast vollständig untersagt.
Nur für die Restaurierung / den Erhalt von Denkmälern können die für den Erhalt der Denkmäler zuständigen
Behörden Ausnahmen gestatten. Bei Vorliegen einer entsprechenden Erklärung bleibt das Bleiweiss weiterhin
erhältlich. Wegen der Giftigkeit des Bleiweiss ist es erforderlich, dass bei der Verarbeitung besondere
Sorgfalt angewendet wird. So sollen Bleiweissanstriche nur nass geschliffen werden. Staubentwicklung ist
immer zu vermeiden. Es ist Schutzkleidung (Handschuhe) zu tragen, um eine Belastung der Haut zu vermeiden.
Auch wenn es keinen Ersatz für echtes Bleiweiss gibt - und vermutlich auch nie geben wird - kann zumindest durch eine Mischung von Titanweiss mit Zinkweiss und blanc fixe eine gewisse Ähnlichkeit im Innenbereich erzielt werden. In der japanischen Kunst wurde das Bleiweiss (Gofun) schon vor mehren hundert Jahren durch das aus Austernschalen gewonnene Muschelweiss (Gofun Shirayuki) ersetzt.
Dr. Georg Kremer