Teerfarbstoffe, Anilinfarbstoffe



Von der Kohle zum Teer, den Teerprodukten und Teerfarbstoffen

Es ist der Teer, der diesen Farbstoffen den Namen gegeben hat, und zwar im besonderen der Steinkohlenteer. Er ist der eigentliche Ausgangsstoff der Teerfarbstoffe. Teer wird nicht nur bei Gasfabrikationen, sondern auch bei der Holz-, Torf- und Braunkohlenschwelerei durch Trockendestillation gewonnen. Er entsteht durch Abkühlung der verdichteten Schweldämpfe als dunkelschwarzbrauner, zäh- und dickflüssiger, eigenartig riechender Rückstand. Der Holzteer wird durch trockene Destillation auch Buchen-, Birken- und Kiefernholz gewonnen. Dieser Teer ist der Menschheit schon seit vielen Jahrhunderten bekannt und wurde ls Imprägnierungsmittel benutzt. Schon die Ägypter haben ihn als Anstrichmittel verwendet.

Der Steinkohlenteer ist erst nach der Einführung der Leuchtgasfabrikation bekannt geworden. Er wurde früher als lästiges Abfallprodukt bei der Fabrikation betrachtet, das höchstens eine Verwendung für die Zwecke der Imprägnierung fand. Sonst wusste man aber nichts damit anzufangen. Heute ist er ein wichtiger Rohstoff.

Teer ist ein verwickeltes Gemenge organischer Verbindungen. Er ist durch die Forschung der neueren Chemie das Ausgangsprodukt von Tausenden von chemischen Stoffen geworden, ohne die die heutige Wirtschaft nicht mehr bestehen könnte. Um diese Substanzen zu gewinnen, wird der Teer in erster Linie einer stufenweise Destillation unterworfen. Man nennt diese auch fraktionierte Destillation und versteht darunter die Trennung der verschiedenen Bestandteile nach dem Siedepunkt. Bei dem Destillationsvorgang entweicht zuerst das noch zurückgebliebene Wasser, es folgen von 150 bis 170° C die Leichtöle, bis zu 230° die Mittelöle, ferner das Schweöl bis zu 270° und endlich bis zu 400° C das Anthazenöl (Grünöl). Diese veir Stoffe sind wichtig für die Farbstoffgewinnung.

Ausserdem wird der Rohteer in geringem Umfang für Isolieranstriche verwendet, für Isolier- und Dachpappe, für Holzanstriche, zum Streichen von Segeltuch und Schiffstauen usw. Hier wirkt er als fäulnishemmende Substanz. Auch gegen Luft und Wetter behauptet sich der Teer gut. Nachdem er seine leichtflüchtigen Bestandteile abgegeben hat, bildet er einen halbdeckenden, schwarzbraunen, glänzenden Überzug. Dieser kann aber dem Maler bei seinen Arbeiten aber gefährlich werden, wenn er mit Ölfarben darüberstreicht. Der Teer ist öllöslich und schlägt durch. Die Ölfarben trocknen auf Teeruntergründen nicht. Wir zähöen ihn zu den gefährlichen Untergründen. Gut präparierte Teere eignen sich für Rostschutzanstriche. Die Präparation wird zum Zwecke der Beseitigung saurer Bestandteile mit gemahlenem Ätzkalk vorgenommen. In solche erhitzten Teere werden heisse Gussstücke, Rohre usw. eingetaucht. Nicht präparierte, also saure Teere halten die Verrostung nicht auf, sondern fördern sie.

Aus der Kohle werden eine Anzahl an Zwischen- und Fertigprodukten gewonnenen. Aus den drei Hauptstoffen, Schweröl, Mittelöl und Leichtöl, enstehen wiederum einige Hauptgruppen von Farbstoffen, die für die Wirtschaft und auch für die Malerei von grosser Bedeutung sind.

Stoffe, die aus dem Leichtöl entstehen

  • Rohbenzol
  • Nitrobenzol
  • Pyridin
  • Benzol
  • Toluol

    Stoffe, die aus dem Mittelöl entstehen

    Das Mittelöl enthält das Naphthalin und die Carbolsäure. Das Naphthalin ist fest. Aus ihm wird durch Oxidation die Phthalsäure gewonnen. Sie ist wichtig bei dem Aufbau des künstlichen Indigos und der Eosine sowie vieler Kunstharze. Diese sind gleichfalls Teerfarbstoffe. Aus dem Naphthalin werden ferner durch sog. Hydrierungen die Terpentinölersatzstoffe Dekalin und Tetralin gewonnen. Die Carbolsäure führt auch die Bezeichnung Phenol.

    Stoffe, die aus dem Schweröl entstehen

    Das bei der Destillation entstehende Schweröl wird in verschiedener Weise weiterverarbeitet. Es bildet den Hauptbestandteil des Karbolineums. Ferner enthält es auch die Paraffine.
    Das Anthrazenöl. Aus ihm gewinnt man das für die Herstellung eienr Gruppe von Teerfarben ungemein wichtige Anthrazen. Hieraus werden das künstliche Alizarin und die Alizarinfarben gewonnen.

    Einige andere Farbstoffe, die indirekt aus dem Teer entstehen

  • Phenolphthalein
  • Salizylsäure
  • Pyrogallussäure
  • Sacharin

    Die Alizarinfarbstoffe

    Aus dem Anthrazen ensteht durch Behandlung mit Chromsäuremischung des Anthrachinon, aus diesem wieder durch Behandlung mit rauchender Schwefelsäure und durch andere Verfahren das Alizarin (Produkt-Nr. 94100). Es ist ein gelbes Pulver, und aus dieser Ausgangssubstanz wird nun durch Kochen mit den Hydroxiden des Aluminiums, des Zinnes, des Eisens und des Chromes eine Anzahl Farblacke, die Alizarinfarben, erzeugt. Ausser roten Alizarinfarben gibt es gelbe, orange, braune und schwarze. Die Metalle Aluminium und Zinn färben prächtig rot, Eisenschwarzviolett und Chrom bordeauxfarbig. Durch andere chemische Einwirkungen von rauchender Schwefelsäure usw. entstehen dann das Alizarinblau (Produkt-Nr. 94150). -grün und eine weitere Skala. Die Alizarinfarbstoffe sind wegen ihrer Licht- und sonstigen Beständigkeit sehr wertvoll.
    Der künstliche Krapp ist ein Hauptvertreter dieser Gruppe.

    Die Indanthrenfarbstoffe

    Unter dieser Bezeichnung fasst man heute eine Gruppe von Teerfarbstoffen zusammen. Es ist eine Qualitätsbezeichnung geworden, und man versteht darunter Farbstoffe von hoher Licht-, Luft-, Wasch- und Wetterechtheit. Ursprünglich trug nur das Indanthrenblau (Produkt-Nr. 23100) diese Bezeichnung. Dieser beständige Farbstoff wurde zu Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckt. Eine Reihe dieser lichtechten Farbstoffe wird für Teerfarblacke verarbeitet und in der Kunstamelerei, der praktischen Malerei, für Anstrcihzwecke und als Druckfarben für den Buchdruck verwendet.

    Die Anilinfarbstoffe

    Das Anilin ist der Ausgangsstoff, aus welchem die ersten Teerfarbstoffe erzeugt wurden. Fälschlich werden deshalb auch heute noch alle anderen Teerfarbstoffgruppen als Anilinfarben bezeichnet. Es werden aber heute sehr viele Teerfarbstoffe aus anderen Rohstoffen erzeugt.
    Das Anilin ist frisch, klar und durchsichtig, flüssig und riecht eigenartig. Bei längerem Stehen färbt es sich braunrötlich. Ause dem Anilin werden durch besondere Behandlung einige sehr farbkräftige Teerfarbstoffe hergestellt. Das Rosanilin (Fuchsin) ist ein Anilinfarbstoff im eigentlichen Sinn. Es ist der färbende Farbstoff in den verschiedenen Moderoten, die auch in der Malerpraxis Verwendung finden. Die Moderote sind feurige, aber wenig beständige und leicht blutende Farblacke. Andere Anilinfarbstoffe sind das Methylviolett, das besonders zur Herstellung von Tinten- und Kopierstifte, der Stempelkissen und Schreibmaschinenfarbbänder den Farbstoff liefert.

    Einige andere Farbstoffe

    Ausser den bisher kurz angeführten Farbstoffgruppen gibt es natürlich auch noch andere. Genannt seien hier nur noch die Azo- und Diazo-Verbindungen, die sehr wichtige lichtbeständige Farbstoffe liefern und sich daher zu recht beständigen Teerfarblacken für das praktische Malergewerbe verarbeiten lassen.
    Ein schon sher lange bekannter Farbstoff ist die Pikrinsäure. Ihren Namen hat sie wegen ihres bitteren Geschmakes: "pikros" ist der griechischen Sprache entnommen und heisst bitter. Sie wurde schon im Jahre 1771 hergestellt und seit 1845 asl Farbstoff verwendet. Die wässrige Lösung der Pikrinsäure färbt Wolle und Seide waschecht gelb; sie ist daher ein wertvoller Farbstoff. Sie entsteht durch Einwirkung von Salpetersäure auf Phenol. Ausser ihrer Verwendung für Färbereizwecke wird sie auch als Sprengstoff gebraucht.


    Teerfarbstoffe traten seit dem Jahre 1856, als rot-violettes "Mauvein" von Chemiker Perkin dargestellt wurde, ihren Siegeszug an, doch dürfte ihr Aufnahme als Künstlermaterial vor 1900 nur sehr zögernd vor sich gegangen sein; jedenfalls fehlen entsprechende Nachweise.
    Bei den schon früher vielfach experimentell verbesserten dunkelroten und purpurfarbenen Lasurlackstoffen wurden seit der ersten künstlichen Gewinnung des Alizarins anstelle des Pflanzenextrakts Krapplack im Jahre 1868 vor allem die französichen Krappkulturen entscheidend getroffen. Der Alizarin-Krapplack setzte sich dann seit dem Ende des 19. Jh. in der Künstlerfarbenpoduktion durch.

    Siehe auch allgemeine Informationen zu Irgazinpigmenten.

    Quelle:
    "Grosses Malerhandbuch" (1962) von Carl Koch und
    "Reclams Handbuch der künstlerischen Maltechniken Band 1. Hermann Kühn: Farbmaterialien"