Eva Eis (Kremer Pigmente, Aichstetten) und Almut König (Bayerische Akademie der Wissenschaften, München; Friedrich-Alexander-Universität, Erlangen-Nürnberg)
Poster auf der ATSR-Tagung in Lissabon (2025)
Einleitung
Dr. Kremer besitzt eine umfangreiche Sammlung an Literatur, Musterbüchern und anderen historischen Quellen rund um das Thema Farbe. Darunter befindet sich ein kleines, handschriftliches Rezeptbuch unbekannter Herkunft. Der Einband ist alt und abgegriffen, die gegilbten Seiten sind mit Tintenflecken und Farbspuren versehen. Diese Quelle wurde nie zuvor untersucht. Es handelt sich um eine Sammlung von Rezepten, Notizen und Mustern eines Färbers, die aus dem 19. Jahrhundert datiert.
Die Handschrift
Alle Rezepte sind in deutscher Kurrentschrift geschrieben, diese Quelle ist jedoch schwierig zu lesen. Die Handschrift selbst ist relativ gleichmäßig und gut zu entziffern. Die Buchstaben weisen typische Eigenheiten des Schreibers auf, was darauf schließen lässt, dass das gesamte Buch von nur einer geübten Hand verfasst wurde. Allerdings verwendete der Schreiber gesprochene Sprache für seine Notizen. Hinzu kommt, dass er die Schreibweise ein- und derselben Worte ständig variiert. Er verwendete Fremdworte, offensichtlich ohne deren korrekte Schreibung zu kennen, was deren Identifizierung schwierig macht (Abb. 1). Das Buch enthält mindestens zehn verschiedene Varianten des Wortes Cochenille (Abb. 2). Zutaten und Werkzeuge sind nicht immer identifizierbar, die Maßeinheiten sind unklar. Das weitgehende Fehlen einer Interpunktion und die sehr willkürliche Groß- und Kleinschreibung macht den Text schwer lesbar und stellen eine Herausforderung für die Transkription dar.


Schreibvarianten oder Dialekt?
Der Text zeigt auffällig viele Schreibvarianten, die den Eindruck erwecken, dass der Färber einen Dialekt sprach. Kann man diese Varianten nutzen, um seine Herkunft zu bestimmen? Die Antwort heißt: jein, denn leider ist die Orthographie dieses Schreibers kein Abbild seines Dialekts. Dennoch können einige orthographische Varianten als Indiz für seine sprachgeographische Herkunft interpretiert werden. Der Text zeigt Dialektmerkmale wie Entrundung (ü, ö, eu > i, e, ei) oder binnendeutsche Konsonantenschwächung, ein Lautwandelprozess, bei dem die Opposition zwischen Lenis- und Fortiskonsonanten aufgehoben und z. B. /t/ als /d/ gesprochen wird. Dies könnte der Grund sein, warum der Färber sowohl <Tasse, Bad, gehen> als auch <Dasse, Pat, kehen> schreibt.
Diese und andere Merkmale wie der t-Einschub nach dem Frikativ /s/ oder die Schreibung von <g> als <ch> findet man im nördlichen Oberostfränkischen, dem südostthüringischen oder dem südwestlichen obersächsischen Sprachraum (siehe Karte). Morphologische Merkmale wie die gelegentliche Verwendung der Diminutivendung -chen und der Endung -e im Dativ (z. B. „über einem Wasserbade“) oder bei attributiven Adjektiven (z. B. „spielt es reine an Wasser“), weisen stärker auf das obersächsische Sprachgebiet hin. [1-6].
Inhalt des Färbebuchs
Während die orthographischen Variationen auf den Ersten Blick einen ungebildeten Autor annehmen lassen, vermittelt der Inhalt des Buches ein entgegengesetztes Bild. Detaillierte Beschreibungen in den Rezepten deuten an, dass dieser Schreiber durchaus ein erfahrener Färber war. Die direkte Anrede an seinen Leser erwecken den Eindruck, dass er seine Anweisungen für eine bestimmte Person niedergeschrieben hat. Die Reihenfolge innerhalb einzelner Rezepte ist nicht immer klar, als wäre dem Färber spontan ein zusätzlicher Handgriff eingefallen, den er während des Schreibprozesses noch eingefügt hat.
Dennoch sind die Rezepte im Buch recht gut sortiert. Der erste Teil des Buches enthält Rezepte zum Färben von Baumwollgarn, gefolgt von Anweisungen zum Färben und Bedrucken von Wolle und Seide. Der folgende Teil enthält Rezepte zum Färben von Wolle und Seidengeweben. Gefärbte Textilien wurden zwischen die Seiten genäht oder geklebt und zeigen die Ergebnisse der Färbung (Abb. 4). Darüber hinaus enthält das Buch Notizen zur Herstellung von Chemikalien sowie die Skizze eines Trockengestells.
Der Färber wendet eine umfangreiche Palette von Naturfarbstoffen an: Alkanna, Kreuzdornbeeren, Cochenille, Katechu, Fisetholz, (Waid) Indigo und Indigotin, Blauholz, Lac, Krapp, Flechten, Annatto, Rotholz, Safflor, Salbeiblätter, Sumach, Kurkuma, Wau, Gelbholz und Querzitron (Abb. 5). Zusätzlich verwendete der Färber anorganische Pigmente wie Preußischblau und Chromgelb.


Datierung
Da es keine Datierung im Buch gibt, kann der Zeitrahmen, in dem es entstand, nur anhand der Zutaten und der Maßeinheiten eingegrenzt werden. Die Verwendung von Querzitron und Chromgelb lassen vermuten, dass das Buch im frühen 19. Jahrhundert geschrieben wurde. Querzitron wurde erst nach der Kontinentalsperre leichter verfügbar [7]. In den Rezepten für Textildruck stellt der Färber zudem Chromgelb her. Obwohl dieses Pigment schon im frühen 19. Jahrhundert als Künstlerpigment eingeführt wurde, war es im Textildruck erst ab etwa 1820 verbreitet [8]. Der unbekannte Färber gibt selbst einen weiteren wichtigen Hinweis, da er schreibt, dass alle Maße sächsische Maßeinheiten sind. Diese wurden 1840 durch das Zollpfund ersetzt [9-10]. Obwohl nicht ausgeschlossen werden kann, dass sie danach noch einige Zeit verwendet wurden, grenzt dies die wahrscheinliche Entstehung des Buchs auf zwischen 1820 und 1840 ein.
Aussichten
Die Transkription und die Zuordnung der Herkunft sind essentielle Vorarbeiten für jede weitere Verwendung dieser Quelle. Das Färbebuch soll demnächst auf der Kremer Pigmente Webseite veröffentlicht werden um diese interessante Quellenschrift für die weitere wissenschaftliche Forschung zugänglich zu machen.
Hinweis
Die Rezepte aus dem 19. Jahrhundert eignen sich heute nicht mehr für die praktische Anwendung zum Färben von Textilien. Viele der Zutaten sind giftig und die Reproduktion dieser Rezepte kann ohne entsprechende Sicherheitsvorkehrungen gefährlich sein. Auf unserer Webseite finden Sie zeitgemäße Rezepte, Zutaten und Fachliteratur zum Färben von Textilien.
Weitere Informationen:
Artikel im MDPI von Eva Eis, veröffentlicht: 30 April 2026
> Dyeing with a Coffee Cup? Challenging Recipes from a 19th-Century Dyer’s Handbook